Wir spielen nicht um oder für Geld!

7 03 2010

Wollte ich nur noch mal anmerken, damit niemand auf dumme Gedanken kommt wie gestern beim Raubüberfall auf das EPT Turnier in Berlin.

Dieses wenig aussagekräftige Video hat ja mittlerweile den Weg in die Massenmedien gefunden, aber dieses ist viel aussagekräftiger, insbesondere die ersten 60 Sekunden.

In Kombination mit dem Interview des Wachmanns kann man feststellen:

  • Das Buyin wird nicht in angemessenen Abständen in einen Tresor befördert
  • Der Turnierbereich ist ohne Vorkontrolle resp. Schleusenbereichs betretbar
  • Die Kasse ist frei zugänglich und ungesichert
  • Wachmänner machen Mittagspause und für diese Zeit gibt es keine Ablösung
  • Wachmänner erhalten keine Unterstützung durch Umstehende selbst bei Überzahl
  • Wachmänner sind unbewaffnet und verwenden Geldkassetten als Wurfgeschosse

Für die letzten zwei Punkte spricht sicher, daß dies das Eskalationspotential deutlich senkt und die Wahrscheinlichkeit von schweren Verletzungen oder Tod reduziert. Alles anderes ist bestenfalls albern und auf jeden Fall völlig unprofessionell.

Edit: “habe der Sicherheitsdienst die Einnahmen vom Nebentresor zum Haupttresor bringen wollen. Genau in diesem kurzen Moment, in dem das Geld bereits aus dem Nebentresor geholt worden war, sollen die Täter in den Anmeldebereich gestürmt sein.” (Spiegel Online Update) Und genau in diesem außerordentlich kritischen fünf Minuten ist

  • der Zugang nicht versperrt
  • zwei Drittel der Wachmannschaft ohne Ersatz in der Mittagspause!

PokerStars schreibt bezüglich des Preisgelds jedoch, “Dort befanden sich in einem Safe zu dem Zeitpunkt die Startgelder der Pokerturniere, die heute im Rahmen der EPT stattgefunden haben.” Inwieweit es sich um einen Widerspruch oder eine Ergänzung handelt, ist ohne bessere Kenntnis der Lage nicht bewertbar. Ein Live Blog berichtete, “14:30: Offenbar hatten es die Männer auf die heutige Kasse abgesehen. Durch das Highroller-Event und das heutige 1.000’er Turnier lagen knapp eine Million Euro in der Kasse.”

Selbst bei Home Games ist die Gefahrenabwehr besser vorbereitet (mit Überwachungsvideo):

“The patrons on the inside can actually see what’s going on on the outside, so they knew they were getting robbed,” Strickland said. “Once the door flew open, one of the robbers screamed, ‘This is a robbery.’ One of the patrons said, ‘No, it’s not,’ and they started exchanging gunfire.”

Auf Seiten der Räuber bei der EPT sieht es auch nicht viel besser aus:

  • Zwei Räuber räumen die Kasse ohne weitere Deckung durch Kumpane aus, es waren doch angeblich insgesamt sechs: vier innen, zwei außen
  • Nachdem zwei Räuber den Wachmann verscheucht haben, läuft einer weg, ohne sich um seinen zurückgebliebenen Kumpanen mit dem Geld zu kümmern
  • Der letzte Kumpane mit Geld und Schußwaffe läßt sich vom unbewaffneten Wachmann überwältigen
  • Der zweite Räuber kommt zurück und nutzt den Fuß einer Absperrung als Waffe
  • Edit: “Die Täter waren zwar maskiert und schwer bewaffnet, an Handschuhe hatten sie aber offenbar nicht gedacht. Denn an dieser Tüte sollen sich die DNA-Spuren von einem der Täter befinden.” (Spiegel Online Update)

Für “eine offenbar professionelle Bande” (Tagesspiegel) spricht das m.E. nicht.

Edit 2: Im PokerStars live Stream sagten sie eben, die Tasche, in die der Räuber das Geld verfrachtete, war die Laptop-Tasche des Floormans. Lies: die “offenbar professionelle Bande” hatte nicht einmal Taschen dabei, um die Beute abzutransportieren! Soviel zur “Offensichtlichkeit”!

Nebenbei kann man weitere Fehlberichterstattungen feststellen, so berichtete N24 heute morgen, die Täter hätten es auf den Preis Pool abgesehen. In gleichem Fehlton der Spiegel Online: “Sicherheitsmann entreißt Täter den Jackpot” Das ist offensichtlich falsch, denn “Dieses Geld war zum Zeitpunkt des Überfalls allerdings nicht in der Kasse, weil die Spieler es bereits Dienstag und Mittwoch entrichten mussten.” (Tagesspiegel) Spiegel Online relativiert dies allerdings im bereits zitierten Artikel: “Anders als zunächst angenommen handelt es sich bei dem gestohlenen Geld wohl doch um einen Teil des Preisgelds in Höhe von knapp einer Million Euro”.

“Zudem habe ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes einen der Täter bereits überwältigt gehabt, sei dann aber von einem anderen der Angreifer mit einer Machete niedergeschlagen worden” schreibt Spiegel Online weiter. Wer das obige zweite Video betrachtet wird feststellen, daß die “Machete” in Wirklichkeit der Fuß einer Absperrung ist und der Sicherheitsdienstmitarbeiter vor der Drohung flieht, bevor es zum Schlag kommt (falls dieses Ereignis überhaupt gemeint ist). Noch besser Bild, natürlich konjunktiv: “Die Täter sollen dem Bericht zufolge mit Maschinenpistolen, Macheten und Handgranaten bewaffnet gewesen sein.”

“In Panik flüchteten Spieler” schreibt der Tagesspiegel weiter, Spiegel Online berichtet “Unter den Gästen kam es während des Überfalls zu einer Panik. Spieler suchten unter den Tischen Schutz.” Zur Panik steht in Wikipedia: “Panik ist ein Zustand äußerster Angst vor gegenwärtiger oder angenommener (Lebens-)Gefahr.” Angst ist in der Situation sicher absolut angemessen und eigentlich nicht berichtenswert.

Sollte der medial wirksamere Eindruck erweckt werden, es hätte sich um eine Massenpanik gehandelt (Wikipedia: “Als charakteristisch gelten irrationales und/oder rücksichtslos egoistisches Verhalten.”) sollte dem zumindest auf Basis des Bildmaterials widersprochen werden: Ich meine, die Spieler haben den Raum zügig und besonnen verlassen, daß dabei mal ein Stuhl umkippt oder sich jemand irgendwo stößt ist mehr Selbstverständlichkeit als Massenpanik. Wenn Schußwaffen im Spiel sind ist das Suchen von Deckung am Boden eher als vernünftig denn als panisch zu bewerten.

Demgegenüber Waldemar Kopyl: “Ich habe mich umgedreht und plötzlich sind 50 Leute auf mich zugelaufen gekommen. Ich bin hingefallen, konnte aber zum Glück wieder aufstehen in der Massenpanik.” Schwierig, schwierig, die Situation zu beurteilen.

Wie üblich muß man also bei der Berichterstattung von Massenmedien Vorsicht walten lassen und darf den eigenen Verstand nicht abschalten… eben wie beim Pokern.

Und um dem ganzen zum Schluß die Ernsthaftigkeit zu nehmen: Täter und Veranstalter sollten sich vor der nächsten Veranstaltung vielleicht dieses Lehrvideo ansehen und sich besser vorbereiten.

Edit Update Tagesspiegel: “Allerdings müsse das Sicherheitskonzept jetzt überdacht werden. "Wir werden aufrüsten", sagte einer der Organisatoren”. Hört, hört, …

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